http://freewebs.com/pro_komm/heinrichprofitrate.html Protokoll KIII - 15 Kapitel - Einschub Heinrich / Profitrate - B

Heinrich, Kritik der politischen Ökonomie1
Das „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate“ - eine Kritik

 

Angekündigt wird eine Kritik an Marx: „Könnte Marx diesen Zusammenhang [Akkumulation und Fall der Profitrate = zwei Seiten derselben Medaille] schlüssig nachweisen, dann hätte er in der Tat gezeigt, dass der Fall der Profitrate zum «Wesen» des Kapitalismus gehört.“ (S. 150)

 

Fall der Profitrate

 

Eine tabellarische Aufstellung leitet das 13. Kapitel ein, die illustriert: bei gleicher Mehrwertrate bedeutet unterschiedliche (steigende) Zusammensetzung des Kapitals unterschiedliche (sinkende) Profitraten. Diese Reihe drückt „die wirkliche Tendenz der kapitalistischen Produktion aus.“ (KIII, 222f) Weil die Kapitalisten, um Extraprofit zu ziehen, auf Lohnstückkostensenkung durch Steigerung der Produktivkraft der Arbeit mittels neuer Produktionsverfahren als dem Mittel setzen, kombinieren sie relativ immer weniger Vorschuss in v mit relativ immer größerem Vorschuss in c. Weil dies der typische Gang der Akkumulation ist, stellt der Fall der Profitrate, den die tabellarische Aufstellung illustriert, die tatsächliche Entwicklung für das typische Einzelkapital und daher, in der Summe, auch als Prinzip für das gesellschaftliche Gesamtkapital dar, kann also in Bezug auf „irgendein bestimmtes Quantum“ des Kapitals ausgedrückt werden:

 

Das Gesetz von der fallenden Rate des Profits, worin dieselbe oder selbst eine steigende Rate des Mehrwerts sich ausdrückt, heißt in andern Worten: Irgendein bestimmtes Quantum des gesellschaftlichen Durchschnittskapitals, z.B. ein Kapital von 100 genommen, stellt sich ein stets größrer Teil desselben in Arbeitsmitteln und ein stets geringrer Teil desselben in lebendiger Arbeit dar. Da also die Gesamtmasse der den Produktionsmitteln zugesetzten lebendigen Arbeit fällt im Verhältnis zum Wert dieser Produktionsmittel, so fällt auch die unbezahlte Arbeit und der Wertteil, worin sie sich darstellt, im Verhältnis zum Wert des vorgeschoßnen Gesamtkapitals. Oder: Ein stets geringrer aliquoter Teil des ausgelegten Gesamtkapitals setzt sich in lebendige Arbeit um, und dies Gesamtkapital saugt daher, im Verhältnis zu seiner Größe, immer weniger Mehrarbeit auf, obgleich das Verhältnis des unbezahlten Teils der angewandten Arbeit zum bezahlten Teil derselben gleichzeitig wachsen mag. Die verhältnismäßige Abnahme des variablen und Zunahme des konstanten Kapitals, obgleich beide Teile absolut wachsen, ist, wie gesagt, nur ein andrer Ausdruck für die vermehrte Produktivität der Arbeit.“ KIII, 225f

 

Es geht eigentlich also zunächst um nicht mehr (und nicht weniger), als die Wirkung der mit der Akkumulation notwendig eintretenden Steigerung der organischen Zusammensetzung auf die Profitrate festzuhalten:

 

Da die Masse der angewandten lebendigen Arbeit stets abnimmt im Verhältnis zu der Masse der von ihr in Bewegung gesetzten vergegenständlichten Arbeit, der produktiv konsumierten Produktionsmittel, so muß auch der Teil dieser lebendigen Arbeit, der unbezahlt ist und sich in Mehrwert vergegenständlicht, in einem stets abnehmenden Verhältnis stehn zum Wertumfang des angewandten Gesamtkapitals. Dies Verhältnis der Mehrwertsmasse zum Wert des angewandten Gesamtkapitals bildet aber die Profitrate, die daher beständig fallen muß.“ (KIII, 223)

 

Soweit also „das Gesetz als solches“. Dieser Zusammenhang ist soweit schlüssig nachgewiesen, auch wenn mit dem „Gesetz als solchem“ noch nicht alle seine Bestimmung schon auf dem Tisch sind: „Es wird sich weiter zeigen <Siehe vorl. Band, Kapitel 14> warum dies Sinken nicht in dieser absoluten Form, sondern mehr in Tendenz zum progressiven Fall hervortritt.“ (KIII,223)

 

I. Widerlegung der Kritik Heinrichs

 

Heinrich stützt sich in seiner Kritik auf das Verhältnis von Mehrwertrate und organischer Zusammensetzung als Faktoren der Profitrate.

 

Um nachzuweisen, dass die Profitrate zwangsläufig fällt, reicht der Nachweis nicht aus, dass c/v steigt, es muss vielmehr gezeigt werden, dass c/v in einem bestimmten Ausmaß steigt, nämlich so stark, dass die gerade genannte Bedingung [c/v steigt scheller als m/v] erfüllt ist. Und hier liegt die grundlegende Schwierigkeit für jeden Beweis des «Gesetzes vom tendenziellen Fall der Profitrate»: Über das Ausmaß des Steigens von c/v ist eine allgemeine Aussage gar nicht möglich. In einem Fall kann eine bestimmte Produktivkraftsteigerung durch eine kleine Menge an zusätzlichem konstantem Kapital erreicht werden; c/v steigt dann nur wenig, was zu Folge haben kann, dass die Profitrate aufgrund der steigenden Mehrwertrate steigt und nicht fällt. In einem anderen Fall ist für dieselbe prozentuale Produktivkraftsteigerung eine große Menge an zusätzlichem konstantem Kapital notwendig; c/v steigt dann stark, eventuell sinkt die Profitrate.“ (150f)

 

1) Dass c/v steigt, stellt Heinrich (zunächst) nicht in Frage. Sein Argument: es wäre doch möglich, dass die Mehrwertrate stärker steigt als die organische Zusammensetzung wächst. Wenn man nicht wissen kann, wie sich die genannten (Zahlen-)Verhältnisse exakt bewegen, wenn es also möglich ist, dass sich die Mehrwertrate im Einzelfall überproportiponal verbessern kann, also auch im gesellschaftlichen Durchschnitt überproportional steigen kann, dann könne man doch nicht ausschließen, dass der Anstieg der Mehrwertrate den Anstieg der organischen Zusammensetzung überkompensiert - sodass mit Akkumulation eine steigende Profitrate einhergehen kann.

 

Zunächst soll erklärt werden, wie es die von Heinrich ins Feld geführten Veränderungen an den Wertgrößen tatsächlich gibt und wie sich sich in die Erklärung bei Marx einordnen:

 

a) Änderungen der Mehrwertrate

Von Marx im 14. Kapitel als „entgegenwirkende Ursache“ erklärt: „... andre Momente der Intensifikation, wie z.B. beschleunigte Geschwindigkeit der Maschinerie, die in derselben Zeit zwar mehr Rohmaterial vernutzen, aber was das fixe Kapital angeht, die Maschinerie zwar schneller aufnutzen, das Verhältnis ihres Werts zum Preis der Arbeit, die sie in Bewegung setzt, indes keineswegs affizieren. Namentlich aber ist es die Verlängerung des Arbeitstags, diese Erfindung der modernen Industrie, welche die Masse der angeeigneten Mehrarbeit vermehrt, ohne das Verhältnis der angewandten Arbeitskraft zu dem von ihr in Bewegung gesetzten konstanten Kapital wesentlich zu verändern, und welche in der Tat eher das letztere relativ vermindert.“ KIII 242f

 

Das ändert aber nicht das Prinzip der Richtung:

 

Sonst ist es bereits nachgewiesen - und bildet das eigentliche Geheimnis des tendenziellen Falls der Profitrate -, daß die Prozeduren zur Erzeugung von relativem Mehrwert im ganzen und großen darauf hinauslaufen: einerseits von einer gegebnen Masse Arbeit möglichst viel in Mehrwert zu verwandeln, andrerseits im Verhältnis zum vorgeschoßnen Kapital möglichst wenig Arbeit überhaupt anzuwenden; so daß dieselben Gründe, welche erlauben, den Exploitationsgrad der Arbeit zu erhöhen, es verbieten, mit demselben Gesamtkapital ebensoviel Arbeit wie früher zu exploitieren.“ KIII, 243

 

Es ist deshalb auch ganz in Ordnung, bei der Erklärung des „Gesetzes als solchem“ von der Steigerung der Mehrwertrate als entgegenwirkender Ursache abzusehen, weil im Normalfall eben die Steigerung der Mehrwertrate nur mittels Erhöhung der organischen Zusammensetzung erkauft wurde, den Fall der Profitrate also einschließt.

 

b) Wertfall beim konstanten Kapital

An anderer Stelle (Profitratenfall, s. u.) wird von Heinrich als möglicher Grund für eine dennoch steigende Profitrate auf den Wertfall der Elemente von c im Zuge der Akkumulation verwiesen. Auch das passiert, wie gibt es das in der ökonomischen Wirklichkeit?

 

Nimmt man den Fall, dass ein Kapital eine günstigere Quelle für c-Bestandteile, Rohstoffe der Produktion oder günstigere neue Maschinerie erschließt.

- Wie ist es dazu gekommen? Beim Verkäufer des c war die Grundlage der Preisänderung eine höhere Produktivität in der c-Produktion, die ein Beitrag zur allgemeinen Profitratensenkung ist.

- Beim Käufer wirkt der Kauf positiv auf das Lohnen seinen Vorschusses: sein relativ wachsendes c, angeschafft, um mit einem vergrößertem Haufen in der Herstellung verbilligter Waren in die Konkurrenz um Durchschnittsprofit einzusteigen, macht sich relativ weniger als steigende Zusammensetzung geltend. Bezogen auf seine Konkurrenten in der Sphäre wirkt das entwertend auf deren Kapital; das verbilligte c wirkt in der gesamten Sphäre als Stachel und Mittel für Akkumulation und damit erneut als Ausgangspunkt für Konkurrenzpraktiken, die wiederum als Grund für Profitratensenkung wirken.

- Es zeigt sich: als Beweis gegen den Fall der Profitrate taugt der Verweis auf eine entgegenwirkende Ursache nicht, weil darin die Profitratensenkung einerseits beim Verkäufer unterstellt ist, andererseits erneut angestachelt wird, also nicht widerlegt, sondern bestätigt wird.

 

2) Die größte Schwäche bei Heinrich: er argumentiert ganz mit der Möglichkeit, kommt nicht mit einer ökonomischen Begründung heraus, warum das, was er in seinen „Fällen“ präsentiert, im Durchschnitt, im typischen Fall des akkumulierenden Kapitals, notwendig so sein soll. Eigentlich verpflichtet auch er sich diesem Maßstab: Ist der Fall der Profitrate tatsächlich eine typische Tendenz, dann muss er sich auch an einem typischen Einzelkapital demonstrieren lassen. Auf ein solches typisches Einzelkapital beziehen sich die Marxschen Argumente.“ (150) Denn im Bezug auf ein „typisches Einzelkapital“ ist schon die Abstraktion enthalten, dass sich bei diesem Kapital das Allgemeine der Akkumulation zeigen lässt - sonst wäre es kein „typisches“, sondern ein beliebiges Einzelkapital. Der „typische Fall“ heißt eben nicht: jeder einzelne Fall geht so, sondern: er steht begründet als Beispiel für die allgemeine Entwicklung des Kapitals.

 

Marx bezieht sich tatsächlich auf ein „typisches Einzelkapital“ in seiner Aufstellung: typisch, weil in der Reihe der Normalfall der Akkumulation zum Ausdruck kommt: Steigerung der Produktivität der Arbeit mittels Maschinerie, steigende organische Zusammensetzung, daher Profitratenfall. Weil dies der Normalfall der Akkumulation ist, gilt dies für ein typisches Einzelkapital ebenso wie für das gesellschaftlichen Gesamtkapital und jeden seiner Teile. Mehr ist ja bei Marx erst einmal gar nicht festgehalten, als dieser einfache Zusammenhang: Akkumulation = steigende organische Zusammensetzung; was bedeutet das für die Profitrate? Sie fällt, weil der Vorschuss, der für einen bestimmten Profit eingesetzt werden muss, steigt.

 

Heinrich bezieht sich dagegen nicht wirklich auf ein typisches Kapital, sondern auf ein beliebiges: jeder mögliche Fall solle das Gesetz zeigen. Insofern widerspricht die Durchführung seiner Kritik seiner Ankündigung: am „typischen Einzelkapital“ zu zeigen, dass der von Marx behauptete Zusammenhang von Akkumulation und Profitratenentwicklung nicht haltbar sei.

 

Seine Fall-Konstruktionen folgen dem Schema: Man kann sich auch ein Kapital vorstellen, dass z.B. mit wenig zusätzlichem c viel Fortschritt bei der Produktivität der Arbeit bewirkt, usw. Daraus sein Schluss: „Weil im Einzelfall p' steigen kann, ist keine Aussage über ihre allgemeine Entwicklung möglich.“

Das ist Unsinn: dazu müsste ja der Einzelfall Gründe präsentieren, warum dieser Einzelfall der allgemeinen Entwicklung, dem Durchschnitt, dem typischen Verlauf entspricht.

 

Insofern sind die Fälle, wie sie Heinrich präsentiert, gar nicht wirkliche Fälle der Sache, keine Beispiele, an denen die Notwendigkeiten des Kapitals erläutert werden, sondern nur Fälle seines begriffslosen Vorgehens.

 

3) Wenn für Heinrich das „Gesetz“ verletzt ist, wenn sich ein möglicher Fall zeigen lässt, in dem die Profitrate nicht fällt, dann verwechselt Heinrich „Gesetz der Akkumulation“ (Fall der Profitrate als notwendig in die Akkumulation einbegriffen) mit „Zwangsläufigkeit“ - als handle es sich um so etwas wie ein Gesetz aus der Physik, wo jede Masse der Erdanziehung unterliegt und wo es tatsächlich um die quantitativen Verhältnisse zwischen den physikalischen Größen „Masse“ und „Beschleunigung“ geht, die in der Natur herrschen.

 

Erstens wäre also festzuhalten: Heinrich argumentiert gegen einen Inhalt von „Gesetz“, den es bei Marx gar nicht hat.

 

Zweitens: Damit nimmt Heinrich das Marx'sche „Formelwerk“ nicht als das, was es ist: Illustration, Veranschaulichung von ökonomischen Zusammenhängen, sondern als Algorithmus zum Ausrechnen von ökonomischen Größen. Mit der Formel soll der Kapitalismus erklärt sein - nur so kann man ein beliebiges Einsetzen in die Formel nach den „Regeln der Bruchrechnung“ (Profitratenfall) betreiben.

 

Nicht, dass die vorgenommenen Rechenoperationen falsch wären; formal möglich sind die schon. Wenn man aber den Profitratenfall als Problem der richtigen Bruchrechnung verhandelt, dann entkleidet man die Marx'schen „Kategorien“ ihres ökonomischen Inhalts und verwandelt sie in dagegen gleichgültige qualitative Verhältnisse:

 

Betrachten wir nun, was bei einer Produktivkraftsteigerung mit Zähler und Nenner unseres Bruches passiert. Die Mehrwertrate steigt, und damit steigt auch der von einer einzelnen Arbeitskraft produzierte Mehrwert. Der Zähler unseres Bruches wächst also. Kommen wir zum Nenner. Das konstante Kapital je Arbeitskraft soll ebenfalls wachsen, allerdings wissen wir nicht um wie viel. Können wir dann davon ausgehen dass der Nenner steigt? Hier müssen wir nicht nur c, sondern auch v betrachten und der Wert der Arbeitskraft sinkt! Das bedeutet aber:

- Wenn c nur wenig steigt, dann kompensiert das Steigen von c nicht einmal den Fall von v, das Gesamtkapital nimmt dann ab. In diesem Fall würde die Profitrate steigen.

- Wenn c etwas stärker steigt, dann kompensiert es vielleicht das Fallen von v, das Gesamtkapital bliebe konstant oder würde sogar etwas zunehmen. Falls das Gesamtkapital aber prozentual um weniger zunimmt als m, dann steigt die Profitrate trotzdem.

- Erst wenn c so stark steigt, dass es das Sinken von v kompensiert und auch noch das Gesamtkapital prozentual stärker wachsen lässt als die Mehrwertrate, fällt die Profitrate.

Man sieht auch hier: es reicht für die Begründung des Profitratenfalls nicht aus, dass man weiß, dass c im Verhältnis zu v steigt, c muss in einem bestimmten Ausmaß steigen (und zwar um so mehr, je größer die Produktivkraftsteigerung ist). Wieder kann man ausrechnen, um wie viel c steigen müsste, damit die Profitrate fällt, ob c aber tatsächlich um so viel steigt, wissen wir nicht. Es ist kein Argument ersichtlich, das eine Aussage darüber zulässt, ob eine bestimmte Produktivkraftsteigerung mit großem oder nur mit geringem Zuwachs von c erreicht wird. Daher lässt sich auf dieser Ebene der Betrachtung über die Bewegung der Profitrate nichts aussagen - egal welche Formel man zugrunde legt.“ (Profitratenfall)

 

Kein Argument ersichtlich? Das Argument heißt: Lohnstückkostsenkung mittels neuer Produktionsverfahren ist der zentrale Hebel des Kapitals für Extraprofit. Wieso will sich Heinrich hier lieber dicke Mehrwertratensteigerungen vorstellen, die zustande kommen sollen, ohne dass das Kapital dafür diesen Hebel einsetzen müsste?

 

4) „Nehmen wir an, 24 Arbeitskräfte leisten jeden Tag zwei Stunden Mehrarbeit, dann ergibt dies insgesamt 48 Stunden Mehrarbeit. Sinkt nun die Anzahl der Arbeitskräfte auf zwei, dann können diese zwei Arbeitskräfte pro Tag nicht ebenfalls 48 Stunden Mehrarbeit liefern, egal wie groß die Mehrwertrate ist. Dieses Ergebnis lässt sich verallgemeinern: Nimmt die Zahl der beschäftigten Arbeitskräfte nur stark genug ab, dann nimmt irgendwann auch die von ihnen produzierte Mehrwertmasse ab, egal wie stark die Mehrwertrate steigt. Mit dieser Überlegung glaubte Marx, das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate ausreichend bewiesen zu haben.“ (151f)

 

Heinrich bezieht sich hier auf Argumente von Marx, die sich Kapitel 15.II finden (K III, S. 257f). Das Beispiel von den 2 Arbeitern, die auch dann nicht eine größere Mehrwertmasse liefern können als 12 Arbeiter, wenn sie 24 h für null Lohn arbeiten, illustriert die Wiederlegung von Auffassungen, die in der Produktion von Mehrwertmasse durch Methoden der absoluten Mehrwertproduktion ein Heilmittel gegen den Profitratenfall gefunden haben wollten: lässt man die Arbeiter einfach mehr schaffen! Nicht, dass das Kapital nicht immer wieder auf dieses Mittel zurückkäme, um seine Profitrate zu sanieren: das kann man ja heute den allgegenwärtigen Rufen nach „unbezahlter Mehrarbeit“ entnehmen; das wird auch heute noch gemacht. Marx weist aber auf die immanenten Schranken in Willen und Physis der Arbeiter hin, weswegen das Kapital auch immer auf die Methoden der relativen Mehrwertproduktion - mit den immanenten Wirkungen auf die Profitrate - zurückkommt. Wenn das Kapital aber die Produktivkraft der Arbeit steigert, ändert es die organische Zusammensetzung, so dass es (vielleicht absolut sogar mehr, aber) relativ weniger Arbeiter an einem vergrößerten c schaffen lässt. Denen kann man mehr absoluten Mehrwert abpressen, aber, wegen der genannten Schranken: „In dieser Beziehung hat also die Kompensation der verringerten Arbeiterzahl durch Steigerung des Exploitationsgrads der Arbeit gewisse nicht überschreitbare Grenzen, sie kann daher den Fall der Profitrate wohl hemmen, aber nicht aufheben.“

 

Heinrich nimmt es aber so auf, als wäre es ein „Fall“, mit dem Marx den Fall der Profitrate habe beweisen wollen: „Mit diesen Überlegungen glaubte Marx, das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate ausreichend bewiesen zu haben. Dies ist aber nicht der Fall. Eine sinkende Mehrwertmasse m...“ (152)

 

Wo es Marx darauf ankam, eine Schranke für das Steigern der Mehrwertrate zu erläutern, die das Kapital gegen den Fall der Profitrate betreibt, wird bei Heinrich ein „Fall“ mit einer sinkenden (!) Mehrwertmasse konstruiert. Marx hat allerdings beweisen, dass der Fall der Profitrate mit steigenden Mehrwertmassen einhergeht. Ökonomisch macht der „Fall“ also keinen Sinn, aber als „Fall für die Bruchrechnung“ kann man natürlich wieder eine möglicherweise steigende Profitrate herausrechnen:

 

Steigt das konstante Kapital aber nicht so stark, um die Verminderung des variablen Kapitals auszugleichen, dann sinkt das vorgeschossene Gesamtkapital. Wir haben in diesem Fall eine sinkende Mehrwertmasse bei sinkendem Kapital. Ob die Profitrate fällt, hängt dann davon ab, wer schneller fällt: die Mehrwertmasse oder das vorgeschossene Kapital. Fällt die Mehrwertmasse schneller, dann sinkt die Profitrate, fällt das vorgeschossene Kapital schneller, dann steigt die Profitrate trotz gesunkener Mehrwertmasse.

Im Gegensatz zu Marx können wir also nicht von einem «Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate» ausgehen. Das heißt nicht, dass die Profitrate nicht fallen könnte, sie kann sehr wohl fallen, sie kann aber auch steigen. Eine dauerhafte Tendenz zum Profitratenfall lässt sich auf der allgemeinen Ebene, auf der Marx im «Kapital» argumentiert, nicht begründen.“ (152)

 

Bei Heinrich werden also auch „Fälle“ verhandelt, die offenbar nicht von Akkumulation handeln - „sinkendes Kapital“ und sinkende Mehrwertmasse, das klingt mehr nach Krise! Profitratenfall ist aber ein Gesetz der Akkumulation.

 

II. „Brauchen wir das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate?“ (Profitratenfall)

 

Schon eine merkwürdige Frage: entweder, das Gesetz ist Bestandteil der Erklärung des Kapitals, oder nicht. Hätte Marx hier geirrt, wäre es eben zu streichen. Wofür braucht man schon richtige Theorie? In seiner Einleitung hat Heinrich jedenfalls noch gewusst, dass es schon drauf ankommt, wie man sich das erkärt, wogegen man sich aufstellt. Hier heißt es allerdings nun:

 

"Obwohl bereits recht einfache Überlegungen die Marxsche Begründung des „Gesetzes vom tendenziellen Fall der Profitrate“ in Frage stellen, wurde dieses Gesetz im traditionellen Marxismus verbissen verteidigt. Solche Verbissenheit rührte häufig aus dem Glauben, dieses Gesetz sei notwendig, um eine Zusammenbruchstendenz des Kapitalismus oder zumindest dessen Krisenhaftigkeit zu begründen. Müsste man dieses Gesetz aufgeben, so der Umkehrschluss, dann gäbe es für den Umsturz der kapitalistischen Verhältnisse keine „objektive“ Grundlage mehr, denn dann müsste man ja zugeben, dass der Kapitalismus keine immanenten Schranke habe und im Prinzip auch krisenfrei funktionieren könne.“ (Werttheorie)

 

Also, die Anbiederei des linken „wir“ ist Heinrich jedenfalls nicht fremd. Warum sollen diejenigen, die auf „Zusammenbruch“ stehen, also vom Fall der Profitrate lassen? Nicht etwa, weil sie Heinrichs Argumente eingesehen haben und dann seine Ansicht teilen, dass es den Fall der Profitrate als Gesetz des Kapitalismus nicht gibt, weil es auf die richtige Erklärung ankommt. Sondern, weil für ihren Bedarf am Nachweis des eigentlichen Nicht-Funktionierens des Kapitalismus der Profitratenfall nicht nötig ist, insofern Heinrich dafür (!?) Ersatz verspricht.

Dies wäre weiter zu verfolgen, wenn es um das Prinzip der Fehler bei Heinrich geht. Ergänzend dazu noch folgende Zitate:

 

Aber selbst wenn das „Gesetz“ gültig wäre, würde es nicht leisten, was sich viele seiner Verteidiger von ihm versprechen. Denn über Ausmaß und Geschwindigkeit des Profitratenfalls kann es nichts aussagen: ein schneller Fall (z.B. in 5 Jahren von 12% auf 8%) mit erheblichen Auswirkungen, wäre genauso mit dem Gesetz vereinbar wie ein langsamer Fall (z.B. in 100 Jahren von 10,7% auf 10,3%), den kaum jemand bemerken würde. Die tatsächliche Aussage des Gesetzes - tendenzieller Fall der Profitrate in unbekanntem Ausmaß und in unbekannten Zeiträumen - ist viel zu schwach, um als Grundlage einer Krisentheorie dienen zu können. Andererseits lässt sich die Krisenhaftigkeit kapitalistischer Vergesellschaftung sehr gut ohne jeden Bezug auf dieses „Gesetz“ begründen (vgl. „Wissenschaft vom Wert“, S. 341ff)." (://www.oekonomiekritik.de/605Werttheorie.htm)

 

Selbst wenn sich dieses „Gesetz“ beweisen ließe, hätte es für die Diskussion über Krise und Stabilität des Kapitalismus keine Bedeutung. Es würde ja lediglich aussagen, dass es eine Tendenz zum Fall der Profitrate gibt. Es könnte aber nicht begründet werden, in welchen Zeiträumen die Profitrate in welchem Ausmaß fallen würde (in 100 Jahren von 11,9% auf 11,7% ? Wir würden es nicht wissen).“ ()

 

Was heißt hier „lediglich“? Genau das ist ausgesagt, und diese Tendenz zum Fall der Profitrate bestimmt die Konkurrenz der Kapitalisten.

 

Die Zitate demonstrieren nochmals die Auflösung der Erklärung in quantitative Verhältnisse. Der Beweis des Falls der Profitrate würde bei ihm darin bestehen, dass man ihn bis auf's Komma ausrechnen kann.

 

III. Der Kapitalismus als beschränkt

 

Der Verlust dieses „Gesetzes“ lässt sich gut verschmerzen. Die Krisentheorie hängt keineswegs an diesem „Gesetz“ (vgl. dazu „Wissenschaft vom Wert“, S. 341ff) und „Schranken“ hat der Kapitalismus auch ohne dieses „Gesetz“ genug: nicht nur dass die Entwicklung der Produktivkräfte lediglich dem bornierten Zweck der Profitmaximierung dient - diese Entwicklung erfolgt in einer für Mensch und Natur höchst destruktiven Weise und führt über die Vermittlung des „ideellen Gesamtkapitalisten“ Staat immer wieder zu Kriegen. Das angebliche „Gesetz“ braucht man wirklich nicht, um sich über den beschränkten und krisenhaften Charakter der kapitalistischen Produktionsweise klar zu werden.“ (Profitratenfall)

 

Für Marx brachte dieses Gesetz allerdings noch etwas Allgemeineres zum Ausdruck, nämlich «daß die kapitalistische Produktionsweise an der Entwicklung der Produktivkräfte eine Schranke findet, die nichts mit der Produktion des Reichtums als solcher zu tun hat; und diese eigentümliche Schranke bezeugt die Beschränktheit und den nur historischen, vorübergehenden Charakter der kapitalistischen Produktionsweise» (MEW25, S. 252). Die Beschränktheit der kapitalistischen Produktionsweise kommt aber bereits darin zum Ausdruck, dass die Entwicklung der Produktivkräfte und die Produktion des Reichtums der Verwertung des Werts untergeordnet sind und dieser bornierte Zweck eine Fülle von Destruktionskräften gegenüber Mensch und Natur freisetzt. Ob nun der kapitalistisch-buchhaltungsmäßige Ausdruck der Verwertung steigt oder fällt, ändert nichts am grundsätzlich bornierten Charakter der kapitalistischen Produktionsweise.“ (153)

 

a) Wenn man KI gelesen hat, hat man in der Tat einiges erfahren können über den Gegensatz von Tauschwert und Gebrauchswert, von einer Produktionsweise, die den „gesellschaftlichen Stoffwechsel“ für die Produktion von Wert usurpiert, was dem Gebrauchswert und dessen Genuss nicht bekommt und die Arbeit von einem Mittel der Herstellung nützlicher Dinge für deren Konsumtion zu einem Mittel der Ausbeutung macht; von einem System, das die Not der Leute systematisch ausnutzt, um sie in den Dienst an der Produktion eines Reichtums zu zwingen, von dem sie nicht nur nichts haben, sondern der gegen sie steht, sie zum Mittel eines ihnen schädlichen Zwecks macht, der sie zerstört. Grund genug für einen Aufstand? Klar, unbestritten. Das in KI ausgebreitete Wissen über den Kapitalismus sollte allemal Ausreichen für den Beschluss, sich diese Produktionsweise nicht länger gefallen zu lassen.

 

Aber spricht das gegen das Interesse, zu erklären, wie das Kapital verfährt, wenn es sich alle Momente von Produktion und Zirkulation für seinen Zweck Profit unterwirft? Ist es wirklich so unspannend, wenn die Analyse hier Neues ergibt, nämlich dass das Kapital die absolute Entwicklung der Produktivkräfte im Zuge der Akkumulation mit der Wirkung betreibt, dass dem Kapital selber daraus eine Verwertungsschranke, eine Schranke der kapitalistischen Reichtumsproduktion erwächst? (Für die Bedarfsdeckung mit Gebrauchswerten würde sich die Entwicklung der Produktivkraft an diesem Zweck bemessen und einfach als Mittel, den Reichtum zu steigern, wirken.) Aus relativ immer weniger Arbeitern wird eine immer größere Mehrwertmasse herausgewirtschaftet, und es mangelt weder an disponiblem Ausbeutungsmaterial noch an zusätzlich produzierten Produktionsmitteln - doch genau dieser Erfolg der Akkumulation macht zunehmend dabei Probleme, weil die akkumulierten Verwertungsanspüche sich immer schlechter (mit sinkender Profitrate) verwerten, und ein immer größerer Vorschuss nötig ist, um sich an der Konkurrenz um den (sinkenden) Durchschnittsprofit erfolgreich zu beteiligen.

 

b) Die in KI ausgebreiteten „Destruktionskräfte“ mögen ja auch viele Staatsmaßnahmen begründen. Dass bei Marx der Hinweis auf Imperialismus hier erfolgt, ist aber völlig sachgerecht. Und die Agenda 2010 liest sich wie eine Beispielsammlung zum Kapitel 14: der Staat macht sich mit seiner Gewalt zum Anwalt der Freisetzung der entgegenwirkenden Ursachen, um die nationale Profitrate zu verbessern, damit Kapitalanlage sich in Deutschland mehr lohnen soll als anderswo - ein ziemlich aktuelles Kapitel also.

 

Heinrich ist aber mit der „Beschränktheit“ erstaunlich schnell fertig; er kümmert sich nicht um den bestimmten Inhalt von „Beschränktheit“ in KI und KIII und was damit jeweils kritisiert ist. Worauf kommt es ihm dann bei seiner Diagnose „Beschränktheit“ eigentlich an?

 

c) Profit und Profitrate sind eben nicht die „buchhalterischen Ausdrücke“ für Mehrwert und Mehrwertrate. Dass Marx die Profitrate als von der Mehrwertrate „abgeleitete Größe“ einführt, wird bei Heinrich schon wieder zu einem mathematischen Verhältnis, und das geht über die neuen Bestimmungen, die an diesem Übergang hängen, komplett hinweg. Der Profit, der Überschuss bezogen auf einen Vorschuss, ist praktischer Zweck des Kapitals; dem wird Produktion und Zirkulation unterworfen und zum Mittel des Profits hergerichtet. Die Profitrate ist damit der Maßstab, an dem das Kapital seinen Erfolg misst. Dass sich die Kapitalisten dabei an einer sinkenden Profitrate „abarbeiten“, die ihre Konkurrenz bestimmt, ist inhaltlich jedenfalls eine neue Bestimmung von Beschränktheit, eine vom Kapital selber produzierte Schranke für seinen eigenen Zweck. Zuviel Reichtum wird zur Schranke der Reichtumsproduktion - das ist keine „Naturbedingung“ von Reichtumsproduktion an sich, sondern eine Notwendigkeit des Kapitalismus, und das wird hier im KIII bewiesen. Dass sich Marx da nicht vorstellen mochte, dass sich die Produzenten des Reichtums so was lange gefallen lassen, und daher dem Kapitalismus ein historisches Haltbarkeitsdatum an den Hals wünscht, verwundert nicht.

 

Bis es soweit ist, hat ein solcher innerer Widerspruch allerdings bestimmt so seine Verlaufsformen....! Dass Engels2 beim Herausgeben hier einen Übergang auf ein 15. Kapitel „Entfaltung der inneren Widersprüche“ nötig fand, kann man ihm entgegen Heinrichs Abwinken jedenfalls mal zugute halten!3

1Kapitel 7.3, S. 148-153; alle mit Seitenangaben versehenen Heinrich-Zitate verweisen auf:
Heinrich, Michael: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung. Stuttgart, Schmetterling-Verlag: 3. Aufl. 2005. - ISBN 3-89657-582-1; ohne Seitenangabe: „Profitratenfall“ verweist auf http://www.oekonomiekritik.de/309Profitratenfall.htm, letzter Zugriff 2006-01-16, Werttheorie“ verweist auf http://www.oekonomiekritik.de/605Werttheorie.htm, letzter Zugriff 2006-01-16.

2 Die Gliederung des Abschnitts vom Profitratenfall in drei Kapitel und die Überschrift zum 15. gehen offenbar auf Engels Redaktionsarbeit zurück, vgl. http://www.oekonomiekritik.de/303Engels%20Edition%20Engl.htm

3 Hier kann bzw. will er Marx nicht mehr folgen. Kapitel 14 und 15 gibt es gar nicht in seinem Prospekt, die Erklärung der Krise unter dem Titel „Entfaltung der inneren Widersprüche des Gesetzes“ ist für ihn keine. Dabei hatte er versprochen: „folgen die weiteren Kapitel sehr grob dem Argumentationsgang der drei «Kapital»-Bände: die Kapitel 3-5 handeln vom Stoff des ersten Bandes, Kapitel 6 vom Stoff des zweiten und Kapitel 7-10 vom Stoff des dritten Bandes.“ (10)