Junge Welt vom 15.01.2003 / Peter Decker und Konrad Hecker

Mission vollendet

Die große Karriere der lohnarbeitenden Klasse kommt an ihr gerechtes Ende. Teil 1: Was Staat und Kapital am modernen Arbeit»nehmer« haben. Auftakt einer neuen jW-Debatte

»Seit sie überhaupt nicht mehr stört, sondern nur noch funktioniert, ist die Arbeiterklasse fertig – so fertig, daß es sie als speziell zu betreuende Abteilung der Gesellschaft ideell schon gar nicht mehr gibt«, schreiben Decker und Hecker im neuesten Buch über das Proletariat. Wir stellen ihre zentrale These mit zwei Auszügen aus dem 5. Kapitel »Die vollendete Arbeiterklasse: Perfektes Instrument im weltumspannenden Konkurrenzkampf der Kapitalisten und Nationen« vor und zur Diskussion. In der Freitagausgabe folgt Thomas Kuczynski mit einer ersten Kritik.

Die »soziale Frage« ist gelöst: Der moderne Arbeitnehmer ist die Antwort. Jahrzehntelang haben Sozialpolitiker und Unternehmer, Gewerkschaften und Parteien, Volksseelsorger und Sozialforscher ans Proletariat hingearbeitet, damit es nicht dauernd störend im Weg herumsteht, wenn die kapitalistische Produktionsweise und die dafür zuständige politische Gewalt ihren fortschrittlichen Gang gehen. Sie haben es geschafft. Das lohnabhängige Volk hat sich daran gewöhnt, genau den Lebensstandard zu brauchen, der ihm zugemessen wird, um allen Anforderungen an seine Arbeitskraft zu entsprechen; seine Lebensbedürfnisse sind nach Art und Umfang funktionsgerecht hergerichtet. Interessen, die dem System der Lohnarbeit zuwiderlaufen, und erst recht alle umstürzlerischen Absichten hat es sich abgewöhnt; einen »proletarischen Klassenstandpunkt« gibt es nicht mehr; die Arbeiterbewegung hat ihren Betrieb eingestellt. Kapital und Staatsmacht verfügen in ihren Lohnarbeitern über eine gesellschaftliche Produktivkraft, die sie uneingeschränkt nach Bedarf und Ermessen einsetzen können.

Und das tun sie auch nicht zu knapp. An den Machtmitteln und dem universellen Einfluß, die den erfolgreichen kapitalistischen Nationen zu Gebote stehen, sowie an der Finanzmacht, die in den Händen global agierender Konzerne konzentriert ist, läßt sich klar genug ablesen, welcher Reichtum und wieviel Gewalt aus einem perfekt funktionierenden Proletariat herauszuwirtschaften geht. Die verheerenden Konsequenzen der kapitalistischen Bewirtschaftung des Globus, die politisch für nötig befundenen Kriege, die Kollateralschäden der demokratischen Beaufsichtigung des Weltgeschehens geben die gleiche Auskunft.

Und das alles ist erklärtermaßen erst der Anfang. Mit dem Weltmarkt, wie US-Präsidenten, europäische Banker und japanische Konzerne ihn sich immer gewünscht haben: dem Konkurrenzkampf der Unternehmen und der Staaten über alle Grenzen hinweg um den Reichtum der Welt, geht es mit Beginn des dritten christlichen Jahrtausends und kapitalistischen Jahrhunderts gerade richtig los. Die produktive menschliche Manövriermasse, die sich bislang so prächtig bewährt hat, wird der »Lage« entsprechend neu in Anspruch genommen. Ihr wird theoretisch und praktisch mitgeteilt, daß sie noch immer zu teuer ist und zu wenig leistet fürs Geld, daß sie zu lange lebt und überhaupt zu zahlreich ist, um so richtig lohnend zu sein. In Gestalt neuer Dienstvorschriften für eine zeitgemäße Lohnarbeit und neuer Sparvorgaben fürs lohnabhängige Privatleben bekommt das moderne Proletariat die Quittung für seine unerschöpfliche Dienstbarkeit; ausgestellt durch Politiker und Arbeitgeber, die sich durch ihre Arbeiterklasse an gar nichts mehr gehindert sehen.

Verelendung auf Ansage

Der Umgang moderner Firmenmanager und Sozialtechniker mit der Belegschaft ihres nationalen Betriebs ist von einer bemerkenswerten Offenheit geprägt. Niemand macht ein großes Geheimnis aus der Tatsache, daß die lohnabhängige Mehrheit einem Interesse dienstbar ist, das sich mit ihren materiellen Bedürfnissen schlichtweg nicht verträgt. Großunternehmen z.B., die unter öffentlicher Beobachtung stehen, drücken nicht mehr bloß heimlich, still und leise die ausgezahlte Lohnsumme, wo sie können, sondern verlangen gerade heraus und mit demonstrativer Offenheit von ihren Betriebsräten die Zustimmung zu untertariflicher Bezahlung von neu eingestellten Arbeitslosen oder zu zehn- bis 20prozentigen Lohnsenkungen als »Gegenleistung« für die Stornierung von Entlassungen; und dabei begnügen sie sich nicht einmal mit der defensiven Drohung, andernfalls müßte der Betrieb überhaupt eingestellt werden, sondern begründen ihre Forderungen auch schon mal ganz offenherzig mit dem Unternehmensziel, ihre Ware in einheimischen Fabriken mindestens so billig zu produzieren wie an den weltbekannten Billiglohnstandorten von Osteuropa über Südostasien bis Südamerika. Entlassungen werden nicht mehr möglichst heimlich abgewickelt, sondern weltöffentlich angekündigt, auch und gerade dann, wenn sie die Größenordnung vormals so geächteter »Massenentlassungen« erreichen; die demokratischen Medien sind voll von entsprechenden Mitteilungen.

Der tägliche Börsenbericht popularisiert die sachlich dazugehörige marktwirtschaftliche Gleichung, nach der solche Entlassungsaktionen und schon ihre öffentliche Ansage gut sind für den Aktienkurs des Unternehmens, sinkende Arbeitslosenziffern hingegen einen akuten Vermögensschaden für die Shareholder bedeuten können, weil ein allgemeiner Lohnanstieg daraus folgen könnte. Arbeitnehmerfreundliche »Errungenschaften« wie Kündigungsschutz, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, die Behinderung einer freien betrieblichen Lohngestaltung durch Flächentarifverträge, Zuschläge für Nachtschichten und Überstunden usw. werden als Hindernis fürs kapitalistische Geschäft, also Nachteil für die Nation angeprangert und bekämpft. Ein spezieller Billiglohnsektor wird abwechselnd gefordert und als überflüssig bezeichnet, weil es ihn doch längst gäbe; klar ist in jedem Fall, daß die Unternehmer mehr unternehmen sollen mit dem nationalen Arbeitskräftepotential, und daß das auf dessen Kosten geht. Lohnforderungen sind überhaupt und sowieso von Übel, weil sie, je nach Konjunkturphase, entweder die Baisse verschlimmern oder den Aufschwung abwürgen; das gehört längst zu den anerkannten volkswirtschaftlichen Weisheiten. Mit gleicher Selbstverständlichkeit wird mittlerweile Tag für Tag kundgetan, daß gerade die reichsten und mächtigsten Länder der Welt sich ihre Rentner, ihre Arbeitslosen und die Gesundheit ihrer sozialversicherungspflichtig Beschäftigten nicht mehr leisten können. Und so weiter: Unter allen denkbaren Aspekten und in allen seinen Abteilungen wird das Leben der Lohnabhängigen als Preisfrage behandelt, die offen und ehrlich gegen sie entschieden werden muß.

Wo so zynisch dafür argumentiert und agitiert wird, den Lohnarbeitern Geld vorzuenthalten bzw. wegzunehmen und mehr Leistung abzuverlangen, damit die Kapitalisten sich leichter bereichern können und die Nation davon profitiert, da hat das kapitalistische Gemeinwesen einen Standpunkt überwunden, der immerhin eine ganze Epoche lang in Kraft gewesen ist. Von Staats wegen auf die Arbeiterklasse Rücksicht zu nehmen, damit sie für den kapitalistischen Dauerbetrieb tauglich wird oder bleibt: Damit ist es vorbei. Die pflegliche Behandlung des lebenden Instrumentariums der Kapitalakkumulation – so die neuerdings maßgebliche sozialpolitische Sichtweise – mag unumgänglich und vielleicht sogar nützlich gewesen sein; doch wenn es so war, dann hat sie heute ihren Dienst getan, und der erzielte Nutzen hat sich daran zu beweisen, daß man auf »soziale« »Ergänzungen« des Systems der Lohnarbeit verzichten kann.

Die offenen Plädoyers für eine Verschlechterung der proletarischen Arbeits- und Lebensbedingungen, die unbeschönigten Ansagen einschlägiger Maßnahmen sind selber die Probe aufs Exempel. Sie gehen davon aus, daß der moderne Arbeitnehmer keine sozialen Verheißungen braucht, um sich jede zweckmäßig schlechte Behandlung gefallen zu lassen; daß er im Gegenteil sogar die polemische Aufklärung über die Unvereinbarkeit der Klasseninteressen als sachliche Information über seine Lebenslage zur Kenntnis nimmt und keinesfalls als Anstiftung zu »sozialer Unruhe« mißversteht; daß er überhaupt alles akzeptiert, was ihm von den Inhabern der betriebswirtschaftlichen und sozialpolitischen Kommandogewalt als notwendige »Anpassung« an »die Gegebenheiten« zugemutet wird. Auch in moralischer Hinsicht, ebenso wie in Angelegenheiten der materiellen sozialen Betreuung der Lohnabhängigen, verwirft die fertige Klassengesellschaft ihr eigenes früheres Bedürfnis, sich ihrer dienenden Klasse anzunehmen und zu empfehlen.

Bei alledem beherrscht ein sozialer Ton die Szene – und der sagt schon alles darüber, was in der modernen Marktwirtschaft »sozial« ist:

Sozialer Imperativ: Beschäftigung

Alle Welt nimmt Partei für die Arbeitslosen – von wegen, die hätten »keine Lobby«. Je mehr Lohnabhängige ohne Arbeit und Einkommen sind, um so entschiedener tritt jeder, der etwas zu sagen hat, dafür ein, daß sie eine »Beschäftigung« finden. Vor lauter Engagement für die gute Sache mag niemand groß nachfragen, wodurch eigentlich fortwährend so viele Leute ihren Arbeitsplatz verlieren oder warum sie erst gar keinen finden: Das gehört zu den allgemeinen Lebensumständen, zu denen der aufgeklärte Mensch sich wie zu unabänderlichen Naturphänomenen stellt – wie zum Winterwetter z. B., das immer für ein paar Prozentpunkte in der Arbeitslosenstatistik gut ist, ohne daß irgendein erklärender Zwischenschritt, über die Gewinnkalkulation der Arbeitgeber womöglich, extra in Betracht gezogen werden müßte. Statt solche »unnützen Schuldzuweisungen« vorzunehmen, wird entschlossen »nach vorne« gedacht und bedingungslos für mehr »Beschäftigung« plädiert.

Bedingungslos jedenfalls nach der einen Seite hin: Wer Arbeit braucht, um vom dafür gezahlten Lohn zu leben, hat keine Ansprüche und schon gar keine Bedingungen zu stellen, weder hinsichtlich der Arbeit noch für die Höhe der Entlohnung. Bei aller Parteilichkeit für die Arbeitslosen gilt da ein klares Abstraktionsgebot: Daß die armen »beschäftigungslosen« Leute eine Arbeitsstelle brauchen, um vom dort verdienten Lohn zu leben, und daß sie nur deswegen eine Arbeit wollen, damit sie einigermaßen anständig über die Runden kommen, kann und darf beim Ruf nach »Beschäftigung« keine Rolle spielen. Eben wegen der Not der Leute kann bei der notwendigen »Arbeitsbeschaffung« auf die Behebung dieser Not grundsätzlich nicht geachtet werden. Die Parteinahme für die Arbeitslosen sieht von deren einzigem materiellen Interesse nicht bloß ab; sie schließt es aus.

Ganz unbedingt eingeschlossen ist hingegen das Interesse der anderen Seite, die Lohnarbeit benötigt, um dadurch ihr Eigentum vermehren zu lassen: Für einen Arbeitgeber lohnend muß Lohnarbeit schon sein; sonst findet sie erst gar nicht statt. Das sozialstaatlich anerkannte und durchorganisierte Monopol der kapitalistischen Arbeitgeber auf »Beschäftigung« begründet nicht etwa, sondern verbietet jede Kritik, sowohl an der massenhaften »Nichtbeschäftigung« als auch an den »Beschäftigungs«-Bedingungen, die sie diktieren. Massenhafte Arbeitslosigkeit setzt im Gegenteil alle Bedingungen ins Recht, von denen die Unternehmer den Gebrauch von Lohnarbeitern abhängig machen; die Not, die sie verursachen, und das daraus folgende existenzielle Bedürfnis der Betroffenen nach einer »Beschäftigung« bestätigt und bekräftigt bloß deren hoffnungs- und bedingungslose Abhängigkeit auf der einen, die Alleinherrschaft des Kapitalinteresses über die Arbeit auf der anderen Seite.

Nichts anderes jedenfalls bringt der Ruf nach »Beschäftigung« zum Ausdruck, auf den das soziale Gewissen der modernen Klassengesellschaft sich zusammenzieht. Die einzige Forderung, die darin enthalten ist, richtet sich an die Arbeit»nehmer«, mit wie ohne Arbeitsplatz. Denen wird aufgegeben, sich dem Interesse der Geschäftswelt bedingungslos zu unterwerfen und sich an deren berechnende Maßregeln für lohnende Arbeit sowie an die Direktiven der staatlichen Standortverwaltung anzupassen wie an eine sachliche Gegebenheit, an der es nichts zu deuteln gibt. Und so ist es ja tatsächlich: Die Herrschaft des Kapitals kommt als ein Komplex sozialstaatlich geregelter, in lauter festen Einrichtungen vergegenständlichter »Beschäftigungs«-Bedingungen daher. Deren Rück-Übersetzung ins Geschäftsinteresse der herrschenden Klasse verbietet sich schon wegen ihrer festen institutionellen Ausgestaltung. Die Unterwerfung unter fremde private und öffentliche Geldinteressen stellt sich als Abhängigkeit von Sachzwängen und Regelwerken dar. In eben diesem Sinne werden daher auch die allfälligen Verschlechterungen der Verhältnisse offenherzig angekündigt: als sachlich erforderliche Anpassungen der geltenden Konditionen an neue Gegebenheiten. Auf die werden die Betroffenen zuvorkommenderweise aufmerksam gemacht – nicht in provokativer Absicht und erst recht nicht, damit sie etwas dagegen unternehmen können, sondern damit sie sich auf das ohnehin Unvermeidliche rechtzeitig einstellen können. Darauf haben sie ein Recht!

Anpassungsbereitschaft

Auf Widerstand stoßen die Manager des modernen Kapitalismus mit ihren offen erklärten Angriffen auf überkommene »Besitzstände« der nationalen Arbeitskraft nicht. Nie handeln sie sich mit ihren »Beschäftigungs«-Angeboten die Antwort ein, Arbeitsplätze, die die ganze Person fordern, aber nicht ernähren, könnten sie selbst behalten. Keine Firmenbelegschaft lehnt es ab, mit vermehrter Anstrengung bei verringertem Lohn Kollegen in Tschechien oder Mexiko niederzukonkurrieren. Nirgends erklärt eine Arbeiterschaft ihr entschiedenes Desinteresse daran, mit intensiverem Arbeitseinsatz Teile ihrer selbst überflüssig zu machen, nur damit die Spekulation von großen Geldanlegern aufgeht, die Fondsmanager Recht behalten und die Standortverwaltung zufrieden ist. Daß Lohnarbeiter auch einmal von ihrer Seite aus auf der Unvereinbarkeit ihrer Lebensbedürfnisse mit den Ansprüchen von Arbeitgebern und Politikern bestehen könnten, die ihnen in Wort und Tat so drastisch klar gemacht wird, und so entschieden Einspruch gegen ihre Ausnutzung einlegen, wie sie ihnen zugemutet wird: Das kann ein moderner Arbeitnehmer sich höchstens als Kantinenscherz vorstellen. Einen Kampf von dieser Art hält er ganz einfach nicht für eine realistische Option.

Die kapitalistischen Ausbeutungsverhältnisse werden vom dienstbaren Fußvolk also genau so genommen, wie sie ihm ideell präsentiert und praktisch oktroyiert werden: als ein Ensemble fester Einrichtungen, die als Gegebenheiten einfach hinzunehmen sind. Zwar wird diese affirmative Sicht der Dinge beständig widerlegt: von Unternehmern und Politikern, die überhaupt keine »Gegebenheiten« anerkennen, wenn irgendeine noch so »feste Einrichtung« ihren fortentwickelten Ansprüchen im Wege steht. Moderne Arbeitnehmer stellen sich aber auch zu den Änderungen, die ihnen unter dem Zustimmung heischenden Titel »Reformen« aufs Auge gedrückt werden, wie zu sachlich offenbar notwendigen Korrekturen an einem Regelwerk, das ihren eigenen Interessen und Kalkulationen unverfügbar vorausgesetzt ist; bei dem es sich daher gar nicht lohnt und letztlich überhaupt keinen Sinn macht, nach den politökonomischen Zwecken zu fragen, denen dieses Regelwerk zu praktischer Geltung verhilft, oder gar in praktischer Absicht daran herumzukritisieren. Was ihnen als gültige Arbeits- und Lebensbedingung vorgegeben wird, das beziehen sie nicht als feindseligen oder zumindest prüfenswerten materiellen Anspruch der Gegenseite auf sich als politökonomisch definiertes und benutztes Kollektiv, sondern als sachliche Bedingung auf ihre private Lebensplanung, die sie danach einzurichten haben. Auch durch schärfste Eingriffe in ihre Finanzen und ihren Arbeitsalltag finden mündige und selbstbewußte Arbeitnehmer sich nicht zu gemeinschaftlicher Gegenwehr, sondern einzig und allein dazu herausgefordert, sich mit ihrer Lebensführung und ihrer Arbeitsleistung daran anzupassen.

Mit derart pflegeleichten »Mitarbeitern« ist der moderne Kapitalismus unverschämt gut bedient. Und entsprechend unverschämt bedient er sich seiner Arbeiterklasse auch.